Die ursprüngliche Sprache dieses Artikels ist Französisch.
Die Schweiz im Rhythmus der Kulturhauptstädte
Endlich gibt es in der Schweiz ein Kulturhauptstadt-Programm. Die Idee, die lange Zeit von einer Handvoll Personen vorangetrieben wurde, hat nun die Anerkennung des Bundes gefunden, und die Vorbereitungen in La Chaux-de-Fonds, der Stadt, die 2027 als erste Stadt den Titel Kulturhauptstadt Schweiz tragen wird, laufen auf Hochtouren. Dieser Artikel ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie 1 über die Grundlagen einer solchen Aktion. Er geht über die üblichen lapidaren Formulierungen in den Kommunikationsdokumenten hinaus und stellt das Projekt des Vereins Kulturhauptstadt Schweiz von seinen Ursprüngen bis zu den jüngsten Weichenstellungen vor.
Mathias Rota, September 2024
Übersetzung und Lektorat : Tony Burgener
Auffrischung der Landesausstellung
Daniel Rossellat, Gründer des Paléo Festivals und Stadtpräsident von Nyon, wollte den Enthusiasmus der Landesausstellung, die im Herbst 2002 in den letzten Zügen lag, aufrecht erhalten. Er suchte seine Inspiration jenseits der Grenzen bei den Europäischen Kulturhauptstädten.
Um sein Projekt zu verwirklichen, umgab er sich mit Mitarbeitern, mit denen er während seiner Zeit als Eventmanager der Expo 02 zusammengearbeitet hatte. 2013, wurde der Verein Kulturhauptstadt Schweiz auf der Grundlage 2 eines von Philippe Racine 3 und Michael Kinzer 4 verfassten Gründungsdokuments ins Leben gerufen.
Der Text war ausgesprochen ehrgeizig. Er schlug vor, das Konzept der Landesausstellung selbst zu erneuern und durch kleinere, aber regelmässige Veranstaltungen zu ersetzen, die «einer dreifachen kulturellen Logik folgen: die Schweizer Kreativität zu einem bestimmten Zeitpunkt zu präsentieren, neue Schaffens- und Ausdrucksräume anzubieten und in regelmässigen Abständen ein Observatorium der künstlerischen Entwicklung der Schweiz vorzuschlagen» (Association Capitale Culturelle Suisse 2014:5). Diese vielversprechende Grundlage bedurfte laut den Verfassern «einer eingehenden Prüfung, um ihre Stärken, Schwächen und ihre Machbarkeit zu beurteilen» (Association Capitale Culturelle Suisse 2014:7). Unter dieser Prämisse wurde eine Studie erarbeitet und im Januar 2017 veröffentlicht 5 (Rota 2017). Der folgende Artikel hat zum Ziel, die wichtigsten Beiträge dieser Studie vor dem Hintergrund der Entwicklungen, die das Projekt Kulturhauptstadt Schweiz durchlaufen hat, neu zu betrachten.
Einleitend ist festzuhalten, dass sich die Situation seit der Studie 2017 nicht geändert hat: Schweizer Städte können sich nicht um den Titel Kulturhauptstadt Europas bewerben. Im Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates, der den Rahmen für die europäischen Kulturhauptstädte bildet, heisst es: « (es)können nur Städte aus einem Mitgliedstaat, einem Kandidatenland oder einem potenziellen Kandidatenland oder, unter den in dem Beschluss festgelegten Bedingungen, einem Beitrittsland an der Aktion der Union für die Kulturhauptstädte Europas teilnehmen» 6. So erhielt die Stadt Bodø 7 den Titel 2024, obwohl Norwegen nicht Mitglied der Europäischen Union ist. Dies aufgrund der EWR/EFTA-Mitgliedschaft des skandinavischen Landes 8, ein Status, den die Schweiz in einer Volksabstimmung abgelehnt hatte 9. Diese Nichtmitgliedschaft und damit die Aussichtslosigkeit für Schweizer Städte, den Titel einer kurzlebigen europäischen Kulturhauptstadt zu erlangen, sowie der Erfolg des europäischen Programms und die zahlreichen Anpassungen, die es mit sich brachte 10, erklären die sehr positive Aufnahme des Projekts des Vereins Kulturhauptstadt Schweiz. Bereits in der Sondierungsstudie von 2017 haben alle Befragten die Relevanz der Idee begrüsst 11. Das Interesse ist seither ungebrochen. Dies zeigt sich auch daran, dass ein kürzlich vom Verein Kulturhauptstadt Schweiz verschicktes Informationsschreiben an die Städte des Landes, die sich für den Titel 2030 bewerben könnten, zahlreiche begeisterte Antworten hervorgerufen hat.
Woher kommt die Attraktivität des Projekts?
Ein wanderndes Schaufenster des kulturellen Reichtums der Schweiz
Der Trägerverein Kulturhauptstadt Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt 12, den künstlerischen Reichtum des Landes zu fördern, indem er Kulturschaffende aller Sparten in einem zeitlich und geografisch begrenzten Rahmen zusammenbringt. Obwohl das Programm hauptsächlich in der Gastgeberstadt verankert ist, bietet es auch die Möglichkeit für neue Kooperationen und Netzwerke auf nationaler Ebene.
Der Verein Kulturhauptstadt Schweiz stellte sich sein Projekt zunächst als ein neues Schaufenster für die Vielfältigkeit der Kunstszene vor. Die Mehrdeutigkeit des Begriffs «Kultur» erlaubt es jedoch, dem Projekt eine zusätzliche Dimension hinzuzufügen. Der iterative Charakter des Konzepts wird genutzt, um die grosse Vielfalt der kulturellen Traditionen des Landes aufzuwerten. Die Kulturhauptstadt Schweiz soll den «inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes» (Art. 2 Abs. 2 BV) fördern, wie es die Bundesverfassung verlangt, aber auch ein Instrument zur Umsetzung der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen sein 13. Diese Aufmerksamkeit für die kulturelle Vielfalt, die jeder Ausgabe eine einzigartige Färbung verleiht, indem sie die Traditionen der Bergtäler mit der Avantgarde der kreativen Zentren der Weltmetropolen verbindet, zielt jedoch nicht darauf ab, das kulturelle Erbe des Landes fest zu verankern oder zu verabsolutieren. Stattdessen bietet das Programm die Gelegenheit seine ganze Komplexität, Dynamik und Interaktion in der zeitgenössischen Welt zu betrachten.
Der Trägerverein Kulturhauptstadt Schweiz greift auf einen (etwas) engeren Kulturbegriff zurück, der sich auf Werke und Projekte konzentriert, die dem Geist und der Vorstellungskraft von Künstlern entspringen, und möchte mit seiner Initiative die kulturelle Teilhabe der Bevölkerung beeinflussen. Umfragen erinnern Soziologen daran, dass kulturelle Praktiken – zum Teil – von der Position des Individuums im sozialen Raum bestimmt werden (Coulangeon 2021). Mit anderen Worten: Man wird nicht als Publikum geboren, man wird es. Ein Ereignis wie die Kulturhauptstadt bietet daher eine neue Gelegenheit, die Gleichgültigkeit zu durchbrechen, die ein Teil der Bevölkerung gegenüber dem kulturellen Angebot ihrer Region empfindet. Die Erfahrungen mit den Kulturhauptstädten Europas zeigen, dass diese Hoffnungen berechtigt sind 14. In der Kulturbotschaft stellt der Bund seine Unterstützung des Vereins Kulturhauptstadt Schweiz in das Kapitel «Teilhabe und Diversität» und weist darauf hin, dass «Zur Förderung kultureller Teilhabe gehören auch Initiativen wie die Kulturhauptstadt Schweiz» (Bundesrat 2023:85).
Die Kulturausgaben der Schweizer Haushalte 15 konzentrieren sich auf eine begrenzte Anzahl von Angeboten (Menger 2009). Als Reaktion auf diese beobachtete Konzentration versucht das Programm der Kulturhauptstädte die Kulturausgaben der lokalen Bevölkerung zu erhöhen und damit die Prekarität des Sektors etwas abzumildern. Bevor wir mit der Vorstellung des Projekts fortfahren, erscheint es notwendig, einen kurzen Abstecher zu einem Thema zu machen, das in der Studie von 2017 nicht behandelt wurde, dem aber dennoch ein Absatz gewidmet werden sollte.
Die Covid-19-Pandemie hat nämlich daran erinnert, dass das reiche kulturelle Angebot des Landes 16 – zumindest teilweise – auf den finanziellen Opfern zahlreicher Künstler und Techniker beruht 17 (Rota 2022). Prekäre Arbeitsverhältnisse gab es auch schon vor der Krise, aber die Krise hat sie in einer noch nie dagewesenen Weise in den Vordergrund der öffentlichen Debatte gerückt. Ein Programm zur Aufwertung des Kultursektors darf daher nicht zu einem kurzlebigen Versteckspiel werden, das die Frage der Prekarität ausser Acht lässt, sondern muss für gute Einstellungspraktiken sorgen. Und wenn das Programm einer Kulturhauptstadt auch keine Lösung für eine Situation bieten kann, deren sozioökonomische Determinanten tief verwurzelt sind, so kann es zumindest Anlass zu wiederholten Reflexionen über die Entlohnung in der Kunstwelt geben. Diese Absicht deckt sich mit derjenigen des Bundesrates, der in seiner Kulturbotschaft 2025-2028 als eine seiner Prioritäten die «Sicherstellung einer angemessenen Entschädigung professioneller Kulturschaffender und Verbesserung der beruflichen Rahmenbedingungen und der Chancengleichheit» nennt 18.

Territorien neu denken
Der Verein Kulturhauptstadt Schweiz hofft, dass sein Projekt über die Kunst- und Kulturszene hinaus wirkt. Diese Hoffnung speist sich aus dem Vorbild, an dem sich die Initianten orientiert haben. Während die ersten europäischen Kulturhauptstädte vor allem dazu dienten, die Kulturbudgets vorübergehend aufzustocken, um Events – ohne Zukunft – zu organisieren, hat Glasgow die Kraft des Konzepts erkannt und für seine Wiedergeburt genutzt, d.h. konkret für seine Verwandlung in eine postindustrielle Stadt (siehe vorhergehenden Artikel). Glasgow hat sich durch das Label verändert und auch das Programm der Kulturhauptstädte Europas. Das Programm hat sich von einem ereignis- zu einem prozessorientierten Ansatz entwickelt, d.h. es geht nicht mehr nur um Events, die in den Sommermonaten in bereits touristisch erschlossenen Städten stattfinden, sondern wurde zum Anlass, um vernachlässigtenund vergessenen Gebieten neues Leben einzuhauchen.
Das zweite Ziel, das sich der Verein Kulturhauptstadt Schweiz für sein Projekt gesetzt hat, nämlich «durch Kultur zur langfristigen Entwicklung der Gebiete entsprechend ihren jeweiligen Bedürfnissen beizutragen», orientiert sich an dieser Entwicklung. Ohne dass das Programm seinen künstlerischen Horizont verliert und zu einem Instrument der Raumentwicklung wird, verlangt der Trägerverein von den Bewerberstädten grundlegende Überlegungen, sei es in den Bereichen Stadtplanung, Governance, Image, Mobilität, demokratische Partizipation, sozialer Zusammenhalt oder auch Wohn- und Tourismusattraktivität 19. Wie bei anderen gross angelegten Programmen 20 zeigen Analysen in der Tat, dass die Verleihung des Titels «Kulturhauptstadt Europas» die Lösung bestimmter territorialer Probleme beschleunigt, indem sie es beispielsweise ermöglicht, bestehende Verwaltungspraktiken zu erneuern oder öffentliche und private Mittel zu mobilisieren, aber auch zahlreiche Akteure um ein gemeinsames Projekt herum zu vereinen. Doch Vorsicht: Programme dieser Art können die sozioökonomischen Probleme von Städten nicht allein lösen (Boland, Murtagh und Shirlow 2019). Manchmal werden sie durch bestimmte Mega-Events wie die Olympischen Spiele sogar noch verstärkt (Baade and Matheson 2016). Wenn man sich jedoch auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Gebiets konzentriert und das Ereignis zu einem Zwischenziel einer langfristigen Vision macht, erhöht sich die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich (Soldo, Arnaud, and Keramidas 2013).

Die Architektur der Kulturhauptstadt in vier Schwerpunkten
Welche Finanzierung?
Das ursprüngliche Konzept des Vereins Kulturhauptstadt Schweiz sah vor, dass der Bund ein Budget von 120 bis 150 Millionen Franken für das Projekt zur Verfügung stellt, und zwar in Form eines jährlichen Fonds von 24 bis 30 Millionen Franken. Es überrascht nicht, dass sich dieser Vorschlag, der auf einer Umverteilung der für die Landesausstellungen vorgesehenen Mittel basierte, nicht lange halten konnte. Schien dieses Finanzierungsmodell schon 2017 unwahrscheinlich, so grenzt es angesichts der wiederholten Sparmassnahmen des Bundes seither an eine Utopie.
Unter Berufung auf das berühmte Subsidiaritätsprinzip, aber auch um die bereits zugunsten der Städte ausfallende Investitionsbilanz des Bundes nicht noch weiter zu verschlechtern 21, empfahl die Studie ein Modell, bei dem der Bund zwar eine finanzielle Unterstützung anbietet, die Finanzierung aber in erster Linie von der öffentlichen Hand der Austragungsorte übernommen wird. Dieses Modell wurde gewählt, weil die lokalen Akteure – Politiker, Verwaltungsangestellte, Kulturschaffende, Unternehmen, Vereine etc. – bereits in der ersten Projektphase impliziert sind. – Der Verein hat ein Mindestbudget von 15 Millionen Franken festgelegt, um dem Programm eine gewisse Bedeutung zu verleihen.
Der folgende Artikel wird zeigen, dass dieses Modell in La Chaux-de-Fonds, der ersten Kulturhauptstadt der Schweiz, Wirklichkeit geworden ist. Zur Finanzierung dieser ersten Ausgabe haben die städtischen und kantonalen Exekutiven bei ihren jeweiligen Parlamenten einen Kreditantrag in Höhe von 2,5 Millionen eingereicht 22. Auch der Bund, dessen Beteiligung die Nachhaltigkeit des Programms garantiert, hat einen Beitrag zugesichert. Auch wenn der Betrag noch nicht feststeht, hat die Bundesrätin, die dem Eidgenössischen Departement des Innern und damit auch dem dazugehörigen Bundesamt für Kultur vorsteht, anlässlich einer Debatte in den eidgenössischen Räten bekräftigt, dass der Bund dem Projekt einen substanziellen Betrag zukommen lassen wird, der zwar noch nicht feststeht, aber bedeutend sein wird 23. Eine Aussage, die die Bundesrätin im Sommer 2024 mehrmals wiederholte. Abgesichert durch die Unterstützung der drei Staatsebenen in der Schweiz und angezogen durch den Eventcharakter des Projekts, haben auch zahlreiche Sponsoren ihre Beteiligung angekündigt. Diese Gelder werden der Kulturszene von La Chaux-de-Fonds neue Impulse verleihen. Die Herausforderung wird darin bestehen, die bei dieser Gelegenheit geknüpften Kontakte aufrechtzuerhalten.
Welches Auswahlverfahren?
Seit der Studie 2017 ist das Gesamtkonzept der Kulturhauptstadt Schweiz fast unverändert geblieben. Fast, denn der Vierjahresrhythmus wurde zugunsten eines Dreijahreszyklus aufgegeben. Dies geschah unter dem Einfluss einiger befragter Städte, die zwar einräumten, dass ein genügend grosser zeitlicher Abstand notwendig sei, um den Ausnahmecharakter des Ereignisses zu wahren, die aber befürchteten, dass ein zu grosser zeitlicher Abstand ihnen die Chance auf den Titel zu lange verbauen würde. Die erste Veranstaltung wird daher im Jahr 2027 stattfinden, und ab dann in einem Abstand von drei Jahren.
Während die erste Veranstalterin aufgrund ihres Status als Pilotveranstaltung einem besonderen Nominierungsverfahren unterlag, wird das Auswahlverfahren für die nächsten Städte wie folgt organisiert. Sechs Jahre vor den Feierlichkeiten 24 veröffentlicht der Trägerverein einen Aufruf zur Einreichung von Bewerbungen, dem ein Dokument mit den Auswahlkriterien des Projektes und ein Leitfaden für die Bewerbung beigefügt sind. Die Vereinigung erhält in der Folge die Bewerbunge. Sie setzt eine Jury ein, die sich aus Persönlichkeiten zusammensetzt, die hauptsächlich aus dem Kulturbereich stammen, wobei auf eine gewisse Ausgewogenheit geachtet wird (geografische Herkunft, künstlerische Sparten, Sprachräume usw.). Die Jury bewertet die Bewerbungen der Städte in einem zweistufigen Verfahren: eine Vorauswahl (Shortlist) und eine Endauswahl. Am Ende des rund eineinhalbjährigen Verfahrens teilt sie ihre Wahl dem Verein mit. Dieser verkündet den Namen der Stadt, die den Titel Kulturhauptstadt der Schweiz verliehen wird 25, anlässlich einer kleinen öffentlichen Zeremonie. Die Stadt hat dann vier Jahre Zeit, ihr Projekt umzusetzen.
Der Trägerverein Kulturhauptstadt Schweiz begleitet nicht nur diesen Prozess, sondern führt auch verschiedene Lobby- und Kommunikationsaktivitäten durch, um sein Projekt zu fördern. Da ihm die langfristige Wirkung seines Handelns am Herzen liegt, achtet er auch auf die Wirkungsmessung des Programms und organisiert den Wissensaustausch zwischen den Kulturhauptstädten. Schliesslich überwacht der Verein die Bedingungen, die der Bund an seine Finanzierung knüpft. Die europäische Erfahrung zeigt, dass die Beachtung dieser verschiedenen Aufgaben das Risiko von Misserfolgen verringert und die Nachhaltigkeit des Programms fördert.
Welches Programm?
Die ernannten Städte sind für die Programmgestaltung der Veranstaltung verantwortlich, wobei sie versuchen, ein Gleichgewicht zwischen künstlerischen Ambitionen und den Anforderungen der Besucherzahlen zu finden und den Gegensatz zwischen elitärer und populärer Kultur zu überwinden. Dieses Bestreben steht in der Tradition des europäischen Modells, das sich «zu einem der ehrgeizigsten kulturellen Projekte Europas entwickelt hat und zu den Anlässen zählt, die bei den europäischen Bürgerinnen und Bürgern höchstes Ansehen geniessen» 26.
Der Trägerverein «Kulturhauptstadt Schweiz» wünscht sich, dass die gewählte Kulturhauptstadt zusätzlich bestimmte Veranstaltungen durchführt, die den Rhythmus des Kulturjahres des Landes bestimmen, wie zum Beispiel Preisverleihungen (nach dem Vorbild der Schweizer Kulturpreise des BAK). Zudem werden grosse Kulturveranstaltungen oder -institutionen eingeladen, zumindest einen Teil ihrer Aktivitäten in die Kulturhauptstadt zu verlegen – zum Beispiel ein renommiertes Museum, das eine Ausstellung in der Kulturhauptstadt organisiert, oder ein erfolgreiches Musikfestival, das einige Konzerte in der Kulturhauptstadt durchführt. Die Schweizer Kulturhauptstadt muss auch Gastgeberin von Fernseh- oder Radiosendungen sein, die für diesen Anlass neu konzipiert oder ausgelagert werden, sowie von protokollarischen Besuchen und sogar von einer dezentralen Sitzung des eidgenössischen Parlaments. Die Gewinnerstadt wird somit für ein Jahr zum Zentrum des Landes, eine Rolle, die über den rein kulturellen Bereich hinausgeht.
Was ist eine Stadt?
Wer kann sich als Kulturhauptstadt bewerben? Der Trägerverein schlägt vor, dass sich nur Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern bewerben können. Dieser Ansatz, der eine Stadt nur über ihre Demographie wahrnimmt, ignoriert jedoch eine seit langem geführte Debatte in der Geographie. Die Kriterien zur Charakterisierung von Städten sind in Wirklichkeit vielfältiger 27 : Sie können rechtlicher Natur sein, wie im Fall der neuen Hauptstädte, aber auch räumlicher Natur, wenn sie die Kontinuität der Bebauung oder die Stadtmorphologie hervorheben, oder sozioökonomischer Natur, wenn sie die Stadt als Zentrum der Beschäftigung oder als Ort, an dem sich spezifische Lebensstile herausbilden, betrachten (Ciattoni und Veyret 2023; Nédélec 2018). Die Definition des Begriffes Stadt ist also ebenso komplex wie wandelbar. Das Phänomen der Zersiedelung, das in der Schweiz seit mehreren Jahrzehnten zu beobachten ist, verwischt die Grenzen und erschwert das Unterfangen zunehmend, da es in der Tat schwierig wird, «les villes moyennes d’autres types de localités, comme les quartiers mixtes des grandes villes, ou les grandes communes suburbaines d’agglomération» (Felder et al. 2024:34). Schliesslich berücksichtig das demografische Kriterium die zahlreichen Fusionen nicht, die seit den 2000er Jahren stattgefunden haben und aus denen Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern hervorgegangen sind, ohne dass diese als Städte bezeichnet werden können 28.
Die Demografie entscheidet also nicht über eine Stadt 29. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum das Kulturhauptstadtprogramm der EU, aber auch sein erfolgreichster Ableger, die UK Cities of Culture, keine Mindestbevölkerungszahl festlegen. In der Schweiz würde eine Grenze von 20’000 Einwohnern nur etwa 50 Städten, darunter viele Vorortsgemeinden, die Teilnahme ermöglichen und gleichzeitig einige Kantone, in denen keine Gemeinde diese Bevölkerungsgrösse erreicht, vom Programm ausschliessen (AI, GL, JU, NW, OB und UR). Auch in anderen Kantonen wären einige Gemeinden mit einem bemerkenswerten kulturellen Angebot wie Solothurn oder Vevey nicht in der Lage, eine Kandidatur einzureichen. Die vom Bundesamt für Statistik (BFS) vorgeschlagene Definition stellt eine Lösung für diese verschiedenen Probleme dar. Während das BFS lange Zeit Städte nach einem einfachen demografischen Ansatz betrachtete, d.h. Gemeinden mit mehr als 10’000 Einwohnern, definiert es seit etwa zehn Jahren «statistische Städte» nach folgenden Kriterien: Einwohnerdichte und -zahl, Zahl der Arbeitsplätze und umgerechnete Hotelübernachtungen. Mit dieser Methode konnten 172 statistische Städte in der Schweiz 30 in allen Kantonen mit Ausnahme von Appenzell Innerrhoden 31 identifiziert werden. Bevor ich zum Schluss komme, muss gesagt werden, dass sich der Trägerverein Kulturhauptstadt Schweiz in diesem Punkt flexibel zeigt, indem er in einem kürzlich veröffentlichten Dokument erklärt, dass er das Programm «im Prinzip» den Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern vorbehält. Wie in Europa wird die Relevanz der Kandidaturen durch die Vorarbeit des Vereins und der Jury beurteilt.

*****
Es kommt nun Schwung in die Kulturhauptstadt Schweiz. Die Gründungszeit war lang. Andere Initiativen, wie die Capitales françaises de la culture 32 oder die Capitale italiana della cultura 33, wurden später konzipiert, aber (einige Jahre) früher aus der Taufe gehoben. In der Schweiz muss ein breiter Konsens gefunden werden, damit eine Idee dieser Grösse Wirklichkeit werden kann. Das Tempo mag manchmal langsam erscheinen, wie die demokratischen Prozesse auf den drei Staatsebenen, von denen der Weg zur Kulturhauptstadt Schweiz abhängt, aber es lässt die Projekte reifen und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie langfristig Bestand haben. Der Verein Kulturhauptstadt Schweiz hat sich, wie sein Präsident sagte, langsam, aber nie rückwärts bewegt.
Mit der kürzlichen Anerkennung durch den Bund hat sie den Schritt getan, den sie sich lange gescheut hat, von dem aber ihr Überleben abhängt: Sie hat endlich den Röstigraben überwunden. Die Idee nimmt nationale Dimensionen an und weckt neuerdings auch die Neugier von Regionen, die bisher nur mässiges Interesse gezeigt haben. Alles scheint darauf ausgerichtet zu sein, alle drei Jahre ein neues Zentrum in der Schweiz zu schaffen. Sie dient nicht nur als Schaufenster für kulturelle Kreise, die in der heutigen Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle spielen, sondern auch als Begegnungsmöglichkeit für die Bewohner des Landes. Sie schafft dies häufiger als die seltenen und kostspieligen Landesausstellungen. Das iterative Konzept bietet den Schweizerinnen und Schweizern die Möglichkeit, Städte, die sie manchmal nur auf der Durchreise besuchen, mit neuen Augen zu sehen. Die erste Kulturhauptstadt der Schweiz, La Chaux-de-Fonds, bereitet sich derzeit auf das Jahr 2027 vor.
Die erste Kulturhauptstadt der Schweiz, La Chaux-de-Fonds, bereitet sich bereits auf das Jahr 2027 vor.
Fussnoten
- Der erste Artikel befasst sich mit der Wirkung ähnlicher Programme in anderen Regionen (hier verfügbar), der dritte mit der Wahl der Uhrenmetropole als erste Preisträgerin. ↩︎
- Dieses Dokument ist nicht online verfügbar, kann jedoch ab Seite 157 der Studie eingesehen werden. ↩︎
- Kommunikationsspezialist. ↩︎
- Dann Direktor des Festival de la Cité in Lausanne. ↩︎
- Verfügbar unter dieser Adresse. ↩︎
- https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32017D1545 ↩︎
- https://visitbodo.com/en/topic/bodo-european-capital-of-culture-in-2024/ ↩︎
- Die EWR/EFTA-Staaten können jedoch nicht jedes Jahr am Programm teilnehmen. Dies war in den Jahren 2022 und 2024 möglich und wird auch in den Jahren 2028, 2030 und 2033 der Fall sein. ↩︎
- https://www.europarl.europa.eu/factsheets/de/sheet/169/l-espace-economique-europeen-eee-la-suisse-et-le-nord ↩︎
- Eine Liste der anderen Programme finden Sie im ersten Artikel, der hier verfügbar ist. ↩︎
- Nachfolgend die Liste der Personen, die im Rahmen der Studie befragt wurden, und ihre damalige Funktion: Nicolas Bideau (Direktor Präsenz Schweiz), Philippe Bischof (Kulturdirektor Kanton Basel-Stadt), Rosie Bitterli Mucha (Kultur- und Sportdirektorin Stadt Luzern), Kurt Fluri (Nationalrat, Stadtpräsident Stadt Solothurn, Präsident Schweizerischer Städteverband), Hedy Graber (Leiterin Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund), Sonja Hägeli (Leiterin Kulturförderung, Ernst Göhner Stiftung), Jacques Hainard (ehemaliger Konservator und Direktor des Musée d’ethnographie de Neuchâtel und des Musée d’ethnographie de Genève), Andrew Holland (Direktor von Pro Helvetia), Sami Kanaan (Stadtrat für Kultur und Sport der Stadt Genf), Michael Kinzer (ehemaliger Direktor des Festival de la Cité Lausanne), Giovanna Masoni Brenni (Stadträtin von Lugano 2004-2016), Caroline Morand (Leiterin der Dienststelle für Kultur der Stadt Chur), Yann Riou (Stellvertretender Leiter der Dienststelle für Kultur der Stadt Lausanne), Christine Salvadé (Leiterin der Dienststelle für Kultur des Kantons Jura), Laurent Tricart (Redaktionsleiter und Redakteur von Lille 2004). ↩︎
- Im Anschluss an die Studie von 2017 hat sich der Verein Kulturhauptstadt Schweiz die folgenden zwei allgemeinen Ziele für seine Tätigkeit gesetzt: 1. die Kultur in der Schweiz zu fördern und ihre Vielfalt aufzuwerten und 2. durch die Kultur zur langfristigen Entwicklung der Regionen beizutragen, entsprechend ihren jeweiligen Bedürfnissen. ↩︎
- 2008 von der Schweiz ratifiziert (Erklärung hier verfügbar). ↩︎
- Siehe den ersten Artikel (hier verfügbar). ↩︎
- Die Analyse der Kulturausgaben der Schweizer Haushalte zeigt, dass diese im Durchschnitt sehr wenig Geld für ihre Kulturbesuche ausgeben. So betragen die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben pro Haushalt zu laufenden Preisen im Jahr 2019 in den Kategorien «Museen, Ausstellungen, Bibliotheken, Zoologische Gärten usw.» 6 Franken und in der Kategorie «Theater und Konzerte» 16 Franken (Tabellen finden Sie hier). ↩︎
- Auch wenn es keine Indikatoren gibt, um diesen Reichtum zu messen, können wir seine Spuren vielleicht in der Zunahme der Zahl der im Kultursektor Beschäftigten (Rota 2022) oder sogar in der wachsenden Bekanntheit gewisser kultureller Grossveranstaltungen im Land (Art Basel, Montreux Jazz Festival, Internationales Filmfestival Locarno) erkennen,) aber vielleicht auch an der bemerkenswerten Präsenz von Schweizer Künstlern im Ausland (z.B. in Wien, wo Philippe Jordan die renommierte Wiener Staatsoper und Milo Rau das Theaterfestival der Stadt, die Wiener Festwochen, leitet). ↩︎
- Diese Arbeiten zeigen die Prekarität im kulturellen Umfeld (Eder 2023; Perrenoud und Bataille 2017), aber aufgrund der damit verbundenen methodischen Schwierigkeiten versuchen nur wenige, die Höhe der Löhne von Kulturschaffenden in der Schweiz genau zu erfassen. Suisseculture Sociale bietet einige Berichte zu diesem Thema an (https://www.suisseculturesociale.ch/), und ich habe dies kürzlich anhand von Daten der Pensionskasse Artes und Comoedia versucht (https://www.fpac.ch/post/presentations-et-etude). ↩︎
- https://www.bak.admin.ch/bak/de/home/themen/kulturbotschaft.html ↩︎
- Eine ausführlichere Zusammenfassung findet sich in der Studie von 2017 (Rota 2017). ↩︎
- Natürlich gibt es auch viele Fälle von Misserfolg. Die Studie von 2017 befasst sich mit den Schwierigkeiten, die Grossveranstaltungen mit sich bringen können: «weisse Elefanten», Gentrifizierung etc. (Rota 2017). ↩︎
- Beispielsweise wurden 75 % der Investitionen des Bundes im Hoch- und Tiefbau zwischen 1994 und 2022 in Städten getätigt (Datenquelle), obwohl diese nur 50 % der Bevölkerung beherbergen (diese Berechnungen erfolgten anhand der BFS-Typologie «statistische Städte») ↩︎
- Der Staatsrat des Kantons Neuenburg hat kürzlich einen Bericht zu diesem Thema zuhanden des Grossen Rates verabschiedet (siehe hier). ↩︎
- Die Zusammenfassung der Diskussion finden Sie hier. ↩︎
- Die Ausschreibung «Kulturhauptstadt Schweiz 2030» ist für Dezember dieses Jahres geplant. ↩︎
- Ähnlich wie bei der kürzlich erfolgten Fahnenübergabe zwischen Paris und Los Angeles kann eine symbolische Eigentumsübertragung zwischen den Städten stattfinden. ↩︎
- https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32014D0445 ↩︎
- https://geoconfluences.ens-lyon.fr/glossaire/ville ↩︎
- Weitere Informationen finden Sie hier. ↩︎
- Wie eine kürzlich erschienene Studie über mittelgroße Schweizer Städte in Erinnerung ruft, ist eine Stadt weder «un nœud dans un réseau ni (…) une centralité démographique, économique ou politique. Une ville est aussi une société locale, des lieux, des bâtiments et des événements emblématiques, des traditions, des antagonismes et des rivalités qui structurent la vie dans ses multiples dimensions : sociales, économiques, culturelles et politiques »(Felder et al. 2024: 19). ↩︎
- Eine Liste der Städte finden Sie hier. ↩︎
- Um den Kanton nicht auszuschliessen, würde jedoch ein gemeinsamer Antrag mehrerer Gemeinden des Kantons akzeptiert. ↩︎
- https://www.culture.gouv.fr/Label-Capitale-francaise-de-la-culture ↩︎
- https://capitalidellacultura.cultura.gov.it/ ↩︎
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